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Misophonie: Wenn ein Kaugeräusch den Abend ruiniert

vor 20 Stunden
7 Min. Lesezeit

Es ist Abend, die Familie sitzt am Tisch, das Essen ist gut. Dann beginnt jemand zu kauen. Für die meisten Menschen am Tisch geschieht in diesem Moment nichts. Für eine betroffene Person geschieht sehr viel: Die Schultern ziehen sich zusammen, der Puls steigt, die Aufmerksamkeit klebt an diesem einen Geräusch und es entsteht ein einziger, überwältigender Impuls, nämlich sofort aufzustehen und den Raum zu verlassen.


Wer das kennt, hat vermutlich schon oft gehört, man solle sich nicht so anstellen. Man sei eben empfindlich. Man solle sich zusammenreissen. Diese Sätze gehen an der Sache vorbei. Und zwar nicht aus Höflichkeit, sondern aus messbaren Gründen. Was bei einer Misophonie geschieht, ist keine Frage von Charakter oder gutem Willen. Es ist ein nachweisbarer Ablauf im Nervensystem, der schneller ist als jede bewusste Entscheidung.


In der Praxis House of Rouh in Zürich behandeln wir Geräuschintoleranz mit der AVWF® Neurostimulation. Dieser Beitrag erklärt zuerst, was dabei im Nervensystem tatsächlich passiert. Und am Schluss, was Sie konkret dagegen tun können.


Was ist Misophonie? Und warum Lautstärke nichts damit zu tun hat

Misophonie bezeichnet eine stark verminderte Toleranz gegenüber ganz bestimmten Geräuschen. Die Reaktion darauf besteht aus Ärger, Ekel, Anspannung und dem starken Drang, die Situation zu

verlassen. Sie steht in keinem Verhältnis dazu, wie harmlos das Geräusch objektiv ist.


Entscheidend ist dabei ein Punkt, der oft übersehen wird: Es geht nicht um die Lautstärke. Ein leises Schmatzen am Nebentisch kann die volle Reaktion auslösen, während ein vorbeifahrender Lastwagen völlig unbeachtet bleibt. Massgeblich ist, was das Geräusch ist und von wem es stammt. Die häufigsten Auslöser weltweit stammen aus Mund, Rachen und Nase: Kauen, Schmatzen, Schlucken, Atmen, Räuspern. Dazu kommen Tippen, Klicken, wiederkehrende Bewegungsgeräusche sowie in manchen Fällen einzelne Stimmen oder Dialekte.


Davon abzugrenzen ist die Hyperakusis. Hier ist tatsächlich der Schallpegel das Problem: Alltägliche Lautstärken werden als unangenehm laut, drückend oder schmerzhaft empfunden, unabhängig davon, welche Bedeutung sie haben. Beide Formen treten häufig gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig. Ebenfalls zu unterscheiden sind der Tinnitus, die Phonophobie als eigentliche Angst vor Geräuschen sowie das Recruitment bei einer Innenohrschwerhörigkeit.


Diese Unterscheidung ist keine akademische Feinheit. Sie bestimmt, wo eine Therapie ansetzen muss.


Warum man Geräusche nicht einfach ignorieren kann

Um zu verstehen, weshalb sich die Reaktion nicht abstellen lässt, lohnt sich ein Blick auf den Weg, den ein Geräusch im Nervensystem tatsächlich nimmt.


Der Schall trifft auf das Trommelfell und wird über die drei Gehörknöchelchen an das Innenohr weitergegeben. Zwei winzige Muskeln im Mittelohr können diese Übertragung dämpfen. In der Hörschnecke wandeln die Haarzellen die Schwingung in Nervenimpulse um, sauber nach Frequenzen geordnet. Über den Hörnerv laufen diese Impulse dann in den Hirnstamm und durchlaufen dort mehrere Stationen, die das Signal zeitlich analysieren, den Seitenvergleich herstellen und es mit Reflexen verknüpfen, etwa mit der Schreckreaktion. All das geschieht, bevor überhaupt etwas bewusst wahrgenommen wird.


Auf Höhe des Thalamus kommt die entscheidende Weggabelung. Von hier aus teilt sich die Verarbeitung in zwei Bahnen mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit.


Die lange Bahn führt zur Hörrinde und von dort in die weiterverarbeitenden Areale. Hier entsteht das bewusste Erkennen: Das ist ein Löffel. Das ist die Nachbarin. Das ist harmlos.


Die kurze Bahn führt vom Thalamus direkt zur Amygdala, also am bewussten Hören vorbei. Sie ist deutlich schneller und beantwortet nur eine einzige Frage: gefährlich oder nicht?


Genau in dieser Asymmetrie liegt der Kern des Problems. Die Bewertung ist abgeschlossen, bevor das Erkennen fertig ist. Der Körper reagiert bereits, während der Verstand noch damit beschäftigt ist herauszufinden, worum es überhaupt geht. Deshalb hilft die Einsicht nicht, dass ein Kaugeräusch objektiv ungefährlich ist. Diese Einsicht kommt schlicht zu spät.


Was bei Misophonie im Gehirn passiert

Gelegentlich liest man, Misophonie sitze an einer bestimmten Stelle im Gehirn. Das trifft nach heutigem Kenntnisstand nicht zu. Die Bildgebung zeigt ein Netzwerk, das zusammenwirkt: die anteriore Insula, die mitentscheidet, welcher Reiz Bedeutung erhält und welcher im Hintergrund bleiben darf, sowie die Amygdala und der anteriore cinguläre Cortex, zuständig für Bedrohungsbewertung und emotionale Färbung.


Besonders aufschlussreich ist ein Befund der Arbeitsgruppe um Sukhbinder Kumar aus dem Jahr 2021: eine auffällig verstärkte Kopplung zwischen der Hörrinde und jenem Areal, das die Bewegungen von Mund und Gesicht steuert. Beim Hören eines Kaugeräuschs wird die Mundbewegung der anderen Person im eigenen Motorsystem unwillkürlich mitvollzogen. Das erklärt, weshalb ausgerechnet Geräusche aus Mund, Rachen und Nase so häufig zu Auslösern werden. Entscheidend ist nicht das Geräusch, sondern die mitgespiegelte Handlung eines anderen Menschen.


Dazu kommt die körperliche Ebene: Herzfrequenz und Hautleitwert steigen bei Auslösegeräuschen messbar an. Der Sympathikus schaltet auf Handlungsbereitschaft, die Muskelspannung nimmt zu, die Aufmerksamkeit verengt sich auf die Reizquelle. Die Reaktion ist damit objektivierbar. Sie ist keine Einbildung und kein Charakterzug, sondern ein Vorgang, den man aufzeichnen kann.


Ein Detail aus der Anatomie ist für die Therapie zentral: Die Kerngebiete im Hirnstamm, welche die Mittelohrmuskulatur ansteuern, liegen unmittelbar neben jenen Kernen, die über den Vagusnerv den Ruhe- und Erholungszustand regeln. Hörverarbeitung und vegetative Regulation sind keine getrennten Welten. Sie sind Nachbarn. Genau hier liegt der Ansatzpunkt, über die Hörbahn auf den Zustand des gesamten Nervensystems einzuwirken.


Warum ausgerechnet Kaugeräusche?

Der erste Weg braucht keine persönliche Vorgeschichte. Kau-, Schmatz-, Schluck- und Atemgeräusche sind weltweit die häufigsten Auslöser, quer durch Kulturen und Lebensläufe. Hier greift der beschriebene Spiegelungsmechanismus. Die Frage, was einem früher zugestossen sein muss, führt in diesen Fällen in die Irre: Es muss gar nichts geschehen sein.


Der zweite Weg betrifft erlernte Auslöser. Wird eine bestimmte Stimme, ein Dialekt oder eine einzelne Person zum Auslöser, hat sich eine erlernte Verknüpfung auf eine bestehende Übererregbarkeit gelegt. Ein neutraler Reiz wurde wiederholt mit Belastung oder Kränkung gekoppelt und ist selbst zum Alarmsignal geworden. Hier lohnt sich der Blick auf die Entstehungsgeschichte, auch für die Frage, ob zusätzlich eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll ist.


Warum Misophonie mit den Jahren schlimmer wird

Die Empfindlichkeit ist nicht konstant. Sie folgt dem Zustand des Nervensystems. Deshalb sind manche Tage erträglich und andere kaum. Schlafmangel, Stress und niedergedrückte Phasen senken die Schwelle. Die Erwartung wirkt bahnend: Wer einen Raum betritt und schon mit dem Geräusch rechnet, hat die Alarmbereitschaft aktiviert, bevor etwas zu hören ist.


Am stärksten wirkt die Vermeidung. Sie entlastet kurzfristig und verstärkt langfristig, weil dem Nervensystem die Erfahrung fehlt, dass nichts passiert. Der tolerierbare Bereich wird enger, die Vermeidung nimmt zu und häufig endet das im sozialen Rückzug. Dasselbe gilt für dauernd getragene Ohrstöpsel oder geräuschunterdrückende Kopfhörer: In der akuten Situation entlasten sie, im Dauereinsatz senken sie die Toleranzschwelle weiter ab.


Die gute Nachricht zuerst: Diese Spirale lässt sich umkehren. Das Hörsystem bleibt lebenslang formbar. Genau dort setzt unsere Arbeit an.


Die AVWF® Neurostimulation ist eine eigenständige, weltweit einzigartige Therapie, die direkt an der Verarbeitungskette arbeitet, die weiter oben beschrieben wurde. Sie führt modulierte Schallsignale über Luft- und Knochenleitung zu und trainiert damit die gesamte Strecke, von der Mittelohrmechanik über die Stationen im Hirnstamm bis zur Hörrinde. In wiederholten Durchgängen und in einem sicheren, kontrollierten Rahmen.


Entscheidend ist dabei die Richtung des Vorgehens. Ein Training, das Betroffene wiederholt mit ihren Auslösegeräuschen konfrontiert, arbeitet gegen ein System, das bereits in Alarmbereitschaft steht. Die AVWF® Neurostimulation geht den umgekehrten Weg. Sie senkt zuerst die Alarmbereitschaft selbst, über die Hörbahn und über die enge Nachbarschaft zu den vagalen Kernen im Hirnstamm. Erst ein Nervensystem, das nicht mehr dauernd auf Gefahr eingestellt ist, kann ein Kaugeräusch neu bewerten. Deshalb steht am Anfang nicht die Konfrontation, sondern die Regulation.


Auf der Verarbeitungsebene verändert sich Folgendes: Die Filterfunktion stabilisiert sich, sodass nicht mehr jedes Geräusch als bedeutsam eingestuft wird. Die Alarmschwelle steigt, sodass die Bedrohungsbewertung weniger schnell und weniger heftig anspringt. Der vegetative Grundzustand reguliert sich. Und die Zusammenarbeit zwischen Hirnstamm, limbischem System und Neocortex wird geordneter.


Im Alltag zeigt sich das an sehr konkreten Stellen. Der Hintergrund bleibt Hintergrund: Im Restaurant, im Zug oder am Familientisch werden Geräusche gehört, ohne dass jedes einzelne die Aufmerksamkeit an sich reisst. Viele berichten als Erstes, dass sie abends weniger erschöpft sind, weil das Nervensystem nicht mehr pausenlos sortieren muss. Das Auslösegeräusch wird weiterhin wahrgenommen, aber es reisst nicht mehr mit. Und die Erholung nach einer Reizsituation dauert Minuten statt Stunden. Der Nachmittag ist nicht mehr verloren, weil beim Mittagessen etwas passiert ist.


Wichtig ist die Reihenfolge, in der diese Veränderungen eintreten. Zuerst bessern sich Schlaf und allgemeine Anspannung, dann lässt die Heftigkeit der Reaktion nach, dann verkürzt sich die Erholungszeit und zuletzt schmälert sich die Bandbreite der Auslöser. Wer nur darauf achtet, ob ein Geräusch überhaupt noch auffällt, übersieht die frühen Fortschritte. Die aussagekräftigere Frage lautet: Wie lange hat es gedauert, bis ich wieder bei mir war?


Ebenso klar benennen wir, was die Methode nicht leistet. Die AVWF® Neurostimulation verarbeitet keine biografischen Inhalte und ersetzt keine Psychotherapie. Sie tut etwas anderes und dieses andere ist die Voraussetzung: Sie senkt die Alarmbereitschaft, auf deren Grundlage psychotherapeutische Arbeit erst richtig greifen kann. Sie ersetzt andere Therapien nicht. Sie macht sie besser wirksam.


Was Sie selbst zusätzlich tun können

Vier Dinge unterstützen die Therapie und stehen Ihnen sofort zur Verfügung: eine hals-nasen-ohrenärztliche oder audiologische Abklärung vorweg, besonders bei Verdacht auf Hyperakusis, bei Tinnitus oder bei einseitigen Beschwerden. Schlaf und Erholung, die zwar keine Misophonie heilen, die Schwelle aber spürbar nach oben verschieben. Gehörschutz gezielt statt dauernd einzusetzen, damit die Vermeidung nicht weiter wächst. Und ein sachliches Gespräch mit dem Umfeld darüber, was neurologisch geschieht, weil das beiden Seiten Druck nimmt.


Ihr erster Schritt ist ein Gespräch

Der Ablauf bei uns beginnt mit einem kostenlosen Erstgespräch. Danach folgt die Grundlagenmessung in unserer Praxis, aus der sich das individuell zugeschnittene Therapieprogramm ableitet. Dieses absolvieren Sie je nach Programm bei uns vor Ort oder zu Hause.

Ein Hinweis zur Transparenz: Die Kosten der AVWF® Neurostimulation werden von der Krankenkasse in der Regel nicht übernommen.


Verlauf und Ergebnis sind durchwegs positiv. Bei Kindern und Jugendlichen verläuft die Umstellung erfahrungsgemäss rascher und vollständiger als bei einem über Jahrzehnte gefestigten Muster im Erwachsenenalter. Die Formbarkeit des Hörsystems bleibt jedoch glücklicherweise ein Leben lang erhalten.


Wenn Sie sich in diesem Text wiedererkannt haben: Rufen Sie uns an unter 043 322 22 00 und vereinbaren Sie ein kostenloses Erstgespräch. Sie stellen sich nicht an. Ihr Nervensystem hat eine Bewertung gelernt und es kann eine neue lernen.


Autor: Martin Beer, MSc Clinical Optometry, FAAO, Doktorand im Bereich auditive Neurostimulation – Entwickler der AVWF® Neurostimulation REMOTE


Weiterführende Literatur

Swedo, S. E. et al. (2022). Consensus Definition of Misophonia: A Delphi Study. Frontiers in Neuroscience, 16, 841816.

Kumar, S. et al. (2021). The Motor Basis for Misophonia. The Journal of Neuroscience, 41(26), 5762-5770.

Kumar, S. et al. (2017). The Brain Basis for Misophonia. Current Biology, 27(4), 527-533.

Schröder, A. et al. (2019). Misophonia is associated with altered brain activity in the auditory cortex and salience network. Scientific Reports, 9, 7542.

Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory. W. W. Norton, New York.

 

 


 
 
 

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